Auch bekannt als
Cavum Retzii, Retzius-Raum, Spatium praevesicale, Spatium retropubicum, prävesikaler Raum, retropubischer Raum, Retzius-Höhle
Definition
Der retropubische Raum, auch bekannt als Retzius-Raum oder Spatium retropubicum (Cavum Retzii), ist ein potenzieller avaskulärer Raum zwischen der Symphysis pubica und der Harnblase. Es handelt sich um einen präperitonealen Raum, der hinter der Fascia transversalis und vor dem Peritoneum liegt. Dieser Raum ist nach dem schwedischen Anatomen Anders Retzius (1796–1860) benannt. Der Raum dient als nützlicher Orientierungspunkt bei verschiedenen gynäkologischen und urologischen Operationen.
Struktur:
Der Raum befindet sich in der Beckenregion und wird durch folgende Strukturen begrenzt:
- Anterior: Symphysis pubica
- Lateral: Schambeinäste (Rami ossis pubis) und Musculi obturatores interni
- Posterior: Harnblase
- Boden: Vordere Vagina (bei Frauen) und proximale Urethra
Funktion:
Der retropubische Raum ist ein potenzieller Raum. Sein Kompartimentdruck wird direkt durch Veränderungen des intraabdominellen Drucks beeinflusst, was wiederum die Physiologie der Miktion und Kontinenz beeinflusst. Der normale intraabdominelle Druck liegt zwischen 5 und 7 mmHg, kann jedoch bei Zuständen wie Schwangerschaft oder Adipositas chronisch 10 bis 15 mmHg erreichen. Dieser erhöhte Druck überträgt sich auf das angrenzende retropubische Kompartiment und kann die darin befindlichen Strukturen beeinflussen.
Klinische Bedeutung:
Der retropubische Raum ist ein entscheidender chirurgischer Orientierungspunkt bei mehreren gynäkologischen und urologischen Eingriffen. Der Zugang zu diesem Raum erfolgt typischerweise durch Trennung des Musculus rectus abdominis in der Mittellinie und Dissektion des Gewebes in Richtung der Symphysis pubica, bis das Peritoneum erreicht ist. Beispiele für Operationen, die den retropubischen Raum betreffen, sind:
- Schlingenoperation (Sling-Verfahren): Eine chirurgische Erstlinientherapie für Frauen mit Belastungsinkontinenz (SUI).
- Künstliche Harnröhrensphinkter (AUS): Gilt als chirurgische Erstlinientherapie bei bestimmten Formen der Inkontinenz bei Männern.
- Kolposuspension nach Burch: Ein retropubisches Verfahren zur Behandlung der Harninkontinenz bei Frauen.
Klinischer Kontext
Der Retzius-Raum ist aufgrund seiner Nähe zu lebenswichtigen Strukturen wie der Harnblase und bei Männern der Prostata von großer klinischer Bedeutung. Er ist ein entscheidender anatomischer Orientierungspunkt bei verschiedenen chirurgischen Eingriffen, insbesondere in der Urologie und Gynäkologie. Pathologien in diesem Raum sind häufiger als bisher angenommen [1].
Relevante medizinische Zustände und Verfahren:
- Harninkontinenz: Der Raum wird häufig bei Eingriffen gegen Belastungsharninkontinenz aufgesucht, wie z. B. bei Schlingenoperationen (Erstlinienbehandlung bei Frauen) und der Implantation künstlicher Harnröhrensphinkter (AUS, Erstlinienbehandlung bei bestimmten Formen der Inkontinenz bei Männern) [1]. Die Kolposuspension nach Burch, ein retropubisches Verfahren, wird ebenfalls zur Behandlung der Harninkontinenz bei Frauen eingesetzt [1].
- Prostataoperationen: Der Retzius-Raum wird bei operativen Zugängen zur Prostatektomie genutzt, einschließlich der roboterassistierten radikalen Prostatektomie. Techniken, die den Retzius-Raum schonen (Retzius-sparend), wurden mit einer geringeren Inzidenz postoperativer Leistenhernien in Verbindung gebracht [8]. Neuartige anteriore Zugänge, die die Eröffnung und den Verschluss des Retzius-Raums nach Prostatektomie beinhalten, werden ebenfalls untersucht [9].
- Beckenhämatome: Im Retzius-Raum können sich große Hämatome bilden, die mitunter einen chirurgischen Eingriff erfordern, obwohl bei hämodynamisch stabilen Patienten ein konservatives Management möglich sein kann [3, 5].
- Penisimplantate: Die avaskuläre Natur dieses potenziellen Raums macht ihn für die Platzierung von Prothesenreservoirs bei Penisimplantationsverfahren geeignet [2].
Patientenauswahlkriterien:
Die Patientenauswahl für Eingriffe, die den Retzius-Raum betreffen, hängt von der spezifischen zu behandelnden Erkrankung ab. Bei Harninkontinenz können die Kriterien die Art und Schwere der Inkontinenz, den allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten und die bisherige Behandlungshistorie umfassen. Bei der Prostatektomie werden das Alter des Patienten, das Krebsstadium und Komorbiditäten berücksichtigt.
Chirurgische Verfahren:
Der Zugang zum Retzius-Raum erfolgt typischerweise durch Spaltung des Musculus rectus abdominis in der Mittellinie und stumpfe Präparation des Gewebes in Richtung der Symphysis pubica, bis das Peritoneum erreicht ist [1]. Die chirurgischen Techniken entwickeln sich kontinuierlich weiter, wobei neue Ansätze darauf abzielen, Komplikationen zu minimieren und die Ergebnisse zu verbessern [9].
Erwartete Ergebnisse:
Die Ergebnisse variieren je nach Verfahren. Bei Inkontinenzoperationen sind die Erfolgsraten im Allgemeinen hoch, was zu einer verbesserten Lebensqualität führt. Bei der Prostatektomie umfassen die Ergebnisse die Tumorkontrolle sowie den Erhalt der Kontinenz und der Sexualfunktion. Eine sorgfältige chirurgische Technik und Patientenauswahl sind entscheidend für optimale Ergebnisse.
