Auch bekannt als
Steinauflösungstherapie, chemische Auflösung, Auflösungstherapie, Litholyse, Steinauflösung, chemische Steinauflösung, Chemolyse von Harnsteinen, orale Chemolyse (bei oraler Verabreichung), direkte Chemolyse (bei lokaler Anwendung), perkutane Chemolyse (bei Verabreichung über einen perkutanen Zugang)
Definition
Die Chemolyse bezeichnet die Auflösung von Nierensteinen mithilfe chemischer Lösungen. Sie ist ein nichtinvasiver oder minimalinvasiver Therapieansatz, bei dem bestimmte chemische Wirkstoffe eingesetzt werden, um Harnsteine aufzulösen, indem ihre chemische Struktur verändert und sie in besser wasserlösliche Formen überführt werden.1 2 Das Verfahren kann je nach Steinzusammensetzung und klinischer Situation entweder durch systemische Gabe (orale Chemolyse) oder durch lokale Anwendung (direkte Chemolyse) der auflösenden Wirkstoffe erfolgen.3 4
Der Wirkmechanismus beruht auf der Verwendung saurer oder alkalischer Lösungen, die mit den kristallinen Bestandteilen der Nierensteine reagieren, ihre Struktur aufbrechen und ihre Ausscheidung über die Harnwege erleichtern.5 Harnsäuresteine sind das Hauptziel der Auflösungstherapie und werden typischerweise mit einer oralen Chemolyse (Harnalkalisierung) behandelt.6 Die Wirksamkeit der Chemolyse hängt von der Zusammensetzung, Größe und Lage des Steins sowie vom jeweils eingesetzten auflösenden Wirkstoff ab.7
Die Chemolyse dient sowohl als primäre Behandlungsoption für bestimmte Steinarten als auch als ergänzende Therapie nach anderen Verfahren zur Steinentfernung, um Restfragmente zu beseitigen und so das Risiko eines erneuten Steinleidens zu verringern.8
Klinischer Kontext
Die Chemolyse wird in der urologischen Praxis in mehreren spezifischen Situationen zur Behandlung von Nierensteinen eingesetzt:
Primärbehandlung
Die Chemolyse dient als primäre Behandlungsoption für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit bestimmten Steinzusammensetzungen, insbesondere Harnsäuresteinen.1 Die orale Chemolyse durch Harnalkalisierung ist das Standardvorgehen bei Patientinnen und Patienten mit Harnsäuresteinen, da diese Steine in einzigartiger Weise einer Auflösungstherapie zugänglich sind.2 Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) empfehlen die orale Chemolyse bei Harnsäuresteinen, nicht jedoch bei Natrium- oder Ammoniumuratsteinen.3
Ergänzende Therapie
Die Chemolyse wird häufig als ergänzende Behandlung nach anderen Verfahren zur Steinentfernung eingesetzt, etwa nach Stoßwellenlithotripsie (SWL), perkutaner Nephrolithotomie (PCNL) oder Ureteroskopie.4 Dieser Ansatz hilft, verbliebene Steinfragmente aufzulösen, und verringert so das Risiko eines erneuten Steinleidens und die Notwendigkeit weiterer Eingriffe.5
Kriterien für die Patientenauswahl
Kandidatinnen und Kandidaten für eine Chemolyse werden anhand mehrerer Faktoren ausgewählt:
- Steinzusammensetzung (vor allem Harnsäuresteine/röntgennegative Steine)6
- Größe und Lage des Steins7
- Allgemeiner Gesundheitszustand und Nierenfunktion der Patientin bzw. des Patienten8
- Vorliegen einer Harnwegsinfektion (die bestimmte Vorgehensweisen kontraindizieren kann)9
- Bisherige Behandlungen und Rezidivmuster der Steinbildung10
Vorgehensweisen
Die Chemolyse kann auf verschiedenen Wegen erfolgen:
- Orale Chemolyse: Systemische Gabe von Wirkstoffen, die den pH-Wert des Urins verändern, typischerweise bei Harnsäuresteinen eingesetzt.11 Dabei werden Medikamente wie Kaliumcitrat, Natriumbicarbonat oder Magnesiumbicarbonat verwendet, um einen Ziel-pH-Wert des Urins von 6,5-7,2 zu erreichen.12
- Direkte Chemolyse: Lokale Spülung des Steins mit auflösenden Wirkstoffen über perkutane Nephrostomiekatheter, Harnleiterkatheter oder endoskopische Zugänge.13 Diese Methode wird häufiger bei phosphathaltigen Steinen eingesetzt.14
Erwartete Ergebnisse
Die Wirksamkeit der Chemolyse hängt von mehreren Faktoren ab:
- Die Raten der vollständigen Auflösung von Harnsäuresteinen durch orale Chemolyse lagen in einer großen Fallserie nach 3 Monaten Behandlung bei etwa 61 %.15
- Zu den Faktoren, die mit höheren Erfolgsraten verbunden sind, gehören eine geringere Steingröße, eine geringere Steindichte und die konsequente Aufrechterhaltung des Ziel-pH-Werts des Urins.16
- In weiteren 10-15 % der Fälle wird eine teilweise Auflösung erreicht, was die anschließende Entfernung des Steins mit anderen Methoden erleichtern kann.17
Komplikationen und Einschränkungen
Mögliche Komplikationen sind:
- Sepsis (bei direkter Chemolyse, wenn keine einwandfreie sterile Technik eingehalten wird)18
- Elektrolytstörungen19
- Systemische Azidose oder Alkalose20
- Schleimhautreizung und Blutungen (bei direkter Chemolyse)21
Der Einsatz der Chemolyse erfordert eine sorgfältige Überwachung, einschließlich regelmäßiger Kontrollen des Urin-pH-Werts, der Nierenfunktion und des Fortschritts der Steinauflösung mittels bildgebender Verfahren.22
