Zum Hauptinhalt springen

Country-Specific Sites

Chemolyse

Ausgewählt
Aufrufe: 6

Auch bekannt als

Steinauflösungstherapie, chemische Auflösung, Auflösungstherapie, Litholyse, Steinauflösung, chemische Steinauflösung, Chemolyse von Harnsteinen, orale Chemolyse (bei oraler Verabreichung), direkte Chemolyse (bei lokaler Anwendung), perkutane Chemolyse (bei Verabreichung über einen perkutanen Zugang)

Definition

Unter Chemolyse versteht man die Auflösung von Nierensteinen mithilfe chemischer Lösungen. Es handelt sich um einen nicht-invasiven oder minimal-invasiven Therapieansatz, bei dem bestimmte chemische Wirkstoffe eingesetzt werden, um Harnsteine aufzulösen, indem ihre chemische Struktur verändert und in wasserlöslichere Formen umgewandelt wird.1 2 Der Prozess kann je nach Steinzusammensetzung und klinischem Szenario entweder durch systemische Verabreichung (orale Chemolyse) oder lokale Anwendung (direkte Chemolyse) von Auflösungsmitteln durchgeführt werden.3 4

Der Wirkungsmechanismus beinhaltet die Verwendung saurer oder alkalischer Lösungen, die mit den kristallinen Bestandteilen von Nierensteinen interagieren, deren Struktur aufbrechen und ihre Ausscheidung über die Harnwege erleichtern.5 Bei Harnsäuresteinen wird die Alkalisierung des Urins eingesetzt, während bei phosphathaltigen Steinen typischerweise saure Lösungen verwendet werden.6 Die Wirksamkeit der Chemolyse variiert je nach Steinzusammensetzung, Größe, Lage und dem spezifischen Auflösungsmittel genutzt.7

Die Chemolyse dient sowohl als primäre Behandlungsoption für bestimmte Steintypen als auch als Zusatztherapie im Anschluss an andere Steinentfernungsverfahren, um verbleibende Fragmente zu entfernen und so das Risiko eines erneuten Auftretens von Steinen zu verringern.8

Klinischer Kontext

Chemolyse wird klinisch in mehreren spezifischen Szenarien in der urologischen Praxis zur Behandlung von Nierensteinen eingesetzt:

Erstbehandlung

Die Chemolyse dient als primäre Behandlungsoption für ausgewählte Patienten mit bestimmten Steinzusammensetzungen, insbesondere Harnsäuresteinen.1 Die orale Chemolyse durch Harnalkalisierung ist der Standardansatz für Patienten mit Harnsäuresteinen, da diese Steine ausschließlich für eine Auflösungstherapie geeignet sind.2 Die Richtlinien der European Association of Urology (EAU) empfehlen die orale Chemolyse für Harnsäuresteine, nicht jedoch für Natrium- oder Ammoniumurat Steine.3

Zusätzliche Therapie

Chemolyse wird häufig als Zusatzbehandlung nach anderen Steinentfernungsverfahren wie Stoßwellenlithotripsie (SWL), perkutaner Nephrolithotomie (PCNL) oder Ureteroskopie eingesetzt.4 Dieser Ansatz hilft, verbleibende Steinfragmente aufzulösen, wodurch das Risiko eines erneuten Auftretens von Steinen und die Notwendigkeit zusätzlicher Eingriffe verringert werden.5

Patientenauswahlkriterien

Kandidaten für die Chemolyse werden anhand mehrerer Faktoren ausgewählt:

  • Steinzusammensetzung (hauptsächlich Harnsäure, bestimmte Phosphatsteine)6
  • Steingröße und Lage7
  • Allgemeiner Gesundheitszustand und Nierenfunktion des Patienten8
  • Vorliegen einer Harnwegsinfektion (die bestimmte Ansätze kontraindizieren kann)9
  • Vorherige Behandlungsgeschichte und Steinrezidivmuster10

Verfahrensansätze

Chemolyse kann auf verschiedenen Wegen durchgeführt werden:

  1. Orale Chemolyse: Systemische Verabreichung von Wirkstoffen, die den pH-Wert des Urins verändern, typischerweise bei Harnsäuresteinen eingesetzt.11 Dabei handelt es sich um Medikamente wie Kaliumcitrat, Natriumbicarbonat oder Magnesiumbicarbonat, um einen angestrebten pH-Wert des Urins von 6,5–7,2 zu erreichen.12
  2. Direkte Chemolyse: Lokale Zuführung von Auflösungsmitteln direkt zum Stein über perkutane Nephrostomiekanülen, Harnleiterkatheter oder über endoskopische Zugänge.13 Diese Methode wird häufiger bei phosphathaltigen Steinen eingesetzt.14

Erwartete Ergebnisse

Die Wirksamkeit der Chemolyse hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Die vollständige Auflösungsrate von Harnsäuresteinen durch orale Chemolyse liegt zwischen 40 und 60 % nach 3-monatiger Behandlung.15
  • Zu den Faktoren, die mit höheren Erfolgsraten verbunden sind, gehören eine geringere Steingröße, eine geringere Steindichte und die konsistente Aufrechterhaltung des Ziel-pH-Werts im Urin.16
  • In weiteren 10–15 % der Fälle wird eine teilweise Auflösung erreicht, was die anschließende Steinentfernung auf andere Weise erleichtern kann.17

Komplikationen und Einschränkungen

Mögliche Komplikationen sind:

  • Sepsis (mit direkter Chemolyse, wenn die richtige sterile Technik nicht eingehalten wird)18
  • Elektrolyt-Ungleichgewichte19
  • Systemische Azidose oder Alkalose20
  • Schleimhautreizungen und Blutungen (bei direkter Chemolyse)21

Der Einsatz der Chemolyse erfordert eine sorgfältige Überwachung, einschließlich der regelmäßigen Beurteilung des pH-Werts im Urin, der Nierenfunktion und des Fortschritts der Steinauflösung durch bildgebende Untersuchungen.22

Wissenschaftliches Zitat

[1] Tsaturyan A, Bokova E, Bosshard P, Bonny O, Fuster DG, Roth B. Oral chemolysis is an effective, non-invasive therapy for urinary stones suspected of uric acid content. Urolithiasis. 2020;48(6):501-507. DOI: 10.1007/s00240-020-01204-8

[2] Gonzalez RD, Whiting BM, Canales BK. The History of Kidney Stone Dissolution Therapy: 50 Years of Optimism and Frustration With Renacidin. J Endourol. 2012 Feb;26(2):110-118. DOI: 10.1089/end.2011.0380

[3] Bernardo NO, Smith AD. Chemolysis of urinary calculi. Urol Clin North Am. 2000 May;27(2):355-365. DOI: 10.1016/S0094-0143(05)70264-0

[4] Xiang-bo Z, Zhi-ping W, Jian-min D, Jian-zhong L, Bao-liang M. New chemolysis for urological calcium phosphate calculi - a study in vitro. BMC Urol. 2005 May 22;5:9. DOI: 10.1186/1471-2490-5-9

[5] Türk C, Neisius A, Petřík A, Seitz C, Skolarikos A, Thomas K, et al. EAU Guidelines on Urolithiasis. European Association of Urology. 2023. Verfügbar unter: https://uroweb.org/guidelines/urolithiasis

[6] Tzelves L, Somani B, Jelakovic B, Duvdevani M, Dasgupta P, Sarica K. Urinary Stones: Medical Dissolution and Monitoring. Eur Urol Focus. 2021 May;7(3):481-488. DOI: 10.1016/j.euf.2021.03.010

[7] Suby HI, Albright F. Dissolution of phosphatic urinary calculi by the retrograde introduction of a citrate solution containing magnesium. N Engl J Med. 1943;228:81-91. DOI: 10.1056/NEJM194301212280304

[8] Mulvaney WP. The clinical use of Renacidin in urinary calcifications. J Urol. 1960;84:206-212. DOI: 10.1016/s0022-5347(17)65542-5